Gendermedizin – Tabus brechen

Warum geschlechtersensible Medizin überfällig ist

Gendermedizin rückt zunehmend in den Fokus moderner Gesundheitsforschung – und das aus gutem Grund. Denn Frauen und Männer unterscheiden sich nicht nur äußerlich, sondern auch in Bezug auf Krankheitsverläufe, Symptome und Therapieansprechen. Besonders die Frauengesundheit wurde lange Zeit vernachlässigt. Laut einer aktuellen BIPA Studie haben zwar 88 Prozent der Frauen in Österreich Interesse am Thema Frauengesundheit, allerdings nur die Hälfte der Männer. Obwohl das Thema – Stichwort Menstruation, Schwangerschaft, Wechseljahre – beide Geschlechter betrifft. Warum also geschlechtersensible Medizin überfällig ist, welche Tabus sie bricht und wie sie die Gesundheitsversorgung nachhaltig verbessern kann.

Was versteht man unter Gendermedizin?

Gendermedizin beschäftigt sich mit den biologischen und soziokulturellen Unterschieden zwischen Frauen und Männern in Bezug auf Gesundheit, Krankheit, Diagnostik und Therapie. Ziel ist es, die medizinische Versorgung geschlechtersensibel zu gestalten – also individuell auf die Bedürfnisse von Frauen und Männern einzugehen. Dabei geht es nicht nur um Unterschiede in den Geschlechtschromosomen oder Hormonen, sondern auch um gesellschaftliche Rollenbilder, die Einfluss auf Krankheitsverläufe und Behandlungen haben. „Zum Beispiel heißt das: Bei einem Herzinfarkt treten sehr starke Schmerzen in der Brust mit Ausstrahlung in die linke Hand auf. Stimmt das auch für Frauen? Das wäre eine typische Fragestellung“, erklärt Miriam Hufgard-Leitner, Gendermedizin-Expertin und Oberärztin für Innere Medizin am AKH Wien.

Die wichtigsten Erkenntnisse der Gendermedizin

Lange Zeit galt der „gesunde, weiße Mann“ als medizinische Norm. Medikamente wurden überwiegend an männlichen Probanden getestet, Symptome an männlichen Krankheitsbildern ausgerichtet. Erst in den letzten Jahren hat sich das Bewusstsein dafür geschärft, dass diese Einseitigkeit gravierende Folgen hat – insbesondere für die Frauengesundheit. Denn: „Es gibt bei unglaublich vielen Erkrankungen geschlechtsspezifische Unterschiede, die bei Krankheitsentstehung, Symptomen, Verlauf, Behandlung und Heilung zu berücksichtigen sind. Für viele Krankheiten sind diese Fragen aber noch gar nicht gestellt“, weiß die Gendermedizin-Expertin.


Der Einfluss des Geschlechts auf Krankheiten und Symptome

Neben den bereits erwähnten Symptomen bei Herzinfarkten zeigen sich auch bei Krebserkrankungen, chronischen Schmerzen oder Autoimmunerkrankungen deutliche Unterschiede. Jedoch: „Solange wir nichts oder zu wenig über geschlechtsspezifische Unterschiede wissen, können wir nicht sicher sein, ob wir richtig diagnostizieren und/oder die Behandlung die richtige ist. Hier geht es um Symptome, Zielwerte, Dosierungen etc.“, so Miriam Hufgard-Leitner. Hinzu kommen ganz spezifische Herausforderungen, wenn es um die Behandlung von Frauen geht, betont die Medizinerin: „Denken wir zum Beispiel an den Einfluss von Monatszyklus oder Menopause, oder den Einfluss von chronischem Stress aufgrund von Unvereinbarkeit von Job und Care, dem Frauen ausgesetzt sind.“

Darum wirken Medikamente bei Frauen und Männern unterschiedlich

Ein zentrales Thema der Gendermedizin ist der Stoffwechsel. Frauen und Männer verarbeiten Medikamente unterschiedlich. „Ein Medikament wird geschluckt, dann wird es je nachdem wie sauer die Magensäure ist, in das Blut aufgenommen, verteilt sich im Körper – abhängig vom Fettgehalt – und wird dann über die Niere ausgeschieden. Es verbleibt unterschiedlich lange im Körper, je nachdem, wie schnell das Blut durch die Niere strömt. Bei allen diesen Vorgängen sehen wir Unterschiede bei den Geschlechtern, d.h. der Weg des Medikaments dauert unterschiedlich lang, es verteilt sich anders oder bleibt länger im Körper. Und da haben wir noch nicht vom Einfluss des Menstruationszyklus gesprochen“, bekräftigt Hufgard-Leitner.


Der Einfluss von Gendermedizin auf das Gesundheitswesen

Die Integration von Gendermedizin in die Gesundheitsversorgung ist ein entscheidender Schritt hin zu mehr Gerechtigkeit und Qualität. Eine geschlechtersensible Medizin kann nicht nur Leben retten, sondern auch Kosten senken – durch präzisere Diagnosen, effektivere Therapien und bessere Prävention. „Besonders vielversprechend fand ich, dass im Rahmen der Covid-19-Pandemie sehr rasch auf biologische und soziale Unterschiede untersucht wurde und so viel Wissen über geschlechtsspezifische Unterschiede bei Krankheitsentstehung, Verlauf und Heilung weltweit gesammelt werden konnte. Das wirkt sich bereits auf unser Verständnis von viralen Erkrankungen und Pandemiemanagement aus“, stellt Gendermedizin-Expertin Hufgard-Leitner fest. Und weiter: „Gendermedizin muss endlich raus aus dem wissenschaftlichen Elfenbeinturm. Es geht um die beste Versorgung für alle Menschen, unabhängig vom Geschlecht – das muss in die medizinische Routineversorgung und sollte selbstverständlich sein.“


Gendermedizin – mit Tabus brechen

Trotz wachsender Erkenntnisse bleibt Gendermedizin in vielen Bereichen ein Tabuthema. Es gilt oft als „heikel“, geschlechtsspezifische Unterschiede in der Medizin anzusprechen – sei es aus Sorge, in stereotype Denkmuster zu verfallen, oder weil das Thema in der medizinischen Ausbildung kaum berücksichtigt wird. Besonders Frauengesundheit wird häufig marginalisiert: Menstruation, Wechseljahre oder hormonelle Erkrankungen wie Endometriose gelten oft als „Privatsache“ statt als ernstzunehmende medizinische Herausforderungen. Laut der BIPA Studie sind Frauengesundheit und Sexualität nach wie vor Tabus in der Gesellschaft. Die Top-3-Tabuthemen der Österreicher:innen sind demnach Inkontinenz, sexuelle Gesundheit und Intimität sowie sexuell übertragbare Krankheiten.


Gängige Mythen rund um Frauengesundheit

„Ein Mythos, mit dem ich sehr häufig konfrontiert bin, ist, dass Frauen mehr Schmerzen aushalten könnten als Männer, weil ,sie dazu geboren sind‘ aufgrund ihrer Fähigkeit, Kinder zu gebären. Das führt dazu, dass Frauen sehr oft glauben, sie müssten aufgrund ihres Frauseins Schmerzen aushalten. Das ist dann gefährlich, wenn hinter den Schmerzen eine Erkrankung steckt“, weiß Gendermedizin-Expertin Hufgard-Leitner. Sehr häufig würden Frauen bei der Symptom-Beschreibung als „hysterisch“ abgetan – eine sorgfältige Abklärung bleibe dann aus, was unter Umständen fatale Folgen haben könne, so die Medizinerin. Kein Wunder, dass 4 von 10 Frauen im Rahmen der BIPA Studie sagten: „Ich habe bereits einmal die Erfahrung gemacht, dass meine gesundheitlichen Anliegen von Ärzt:innen nicht ernst genommen wurden.“ Miriam Hufgard-Leitner dazu: „Es muss ein Umdenken dahingehend erfolgen, dass endlich Schluss damit sein muss, Frauengesundheit als ein ,Extra‘ zu sehen. Schließlich sind 51% der Weltbevölkerung weiblich!“


Frauengesundheit im Fokus: BIPA Initiative „Ehrlich gesagt“

Nicht nur, dass Männer wenig Interesse am Thema Frauengesundheit haben, ihr Wissensstand zu Schwangerschaft, Pubertät oder Verhütungsmethoden ist ebenfalls deutlich geringer als jener von Frauen, wie die BIPA Studie ergab. Für BIPA Geschäftsführer Markus Geyer ist das unzureichend: „Frauengesundheit geht uns alle an, auch uns Männer. Das Wohlbefinden von Frauen ist eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung.“ Und genau da setzt die BIPA Initiative „Ehrlich gesagt“ an. Ziel ist es, frauenspezifische Themen in den breiten, öffentlichen Diskurs zu tragen. Dabei geht es neben dem Thema Frauengesundheit auch um Care-Arbeit, Mental Load und Vereinbarkeit von Job und Familie, die eng zusammenhängen. „Frauen sind x-fach belastet. Das macht sich natürlich auch gesundheitlich bemerkbar. Gesellschaftlich müssen wir diese Belastungen rasch abbauen, und zwar österreichweit. Gelingen kann das mit einem klaren Bekenntnis, dass Versorgung und Erziehung von Kindern sowie Pflege von Alten Leistungen sind, die wir ausreichend vergüten. Als Gesellschaft verlassen wir uns jetzt noch darauf, dass Frauen, weil sie Frauen sind, zur Care-Arbeit ,berufen‘ sind und wir sie daher nicht bezahlen müssen. Den Preis für diese Fehlannahme zahlen jetzt noch die Frauen, bald die gesamte Gesellschaft“, ist sich Gendermedizin-Expertin Miriam Hufgard-Leitner sicher.

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